REPORT ON THE BERLIN CONFERENCE
This article on the Berlin conference by one of our members, Birgit Weidinger, was first published in the Süddeutsche Zeitung on 21 September 1999.
Das Sein und das Sendungs-Bewusstsein
Viel Fernsehen macht nicht klüger - warum sich Ost und West auch über den Äther nicht näherkamen
Diese Perspektive fällt dem Besucher auf: Im U-Bahnhof Potsdamer Platz wird Baptiste de Loir vorgestellt. Loir, so ein Werbeplakat, ,war 2000 einer der ersten Mieter. Er erinnert sich noch an die vielen Kräne, die hier einst hoch in den Himmel ragten. Dort, wo jetzt das Sony Center steht und er als freier Schriftsteller und Marketingberater lebt und arbeitet." So blickt Sony von der nahen Zukunft aus in die ferne Gegenwart des Jahres 1999. Mehr Vergangenheit ist nicht mehr am historischen Ort.
Zeitspannen, Erinnerungen und die Dauer von Gegenwart und Vergangenheit standen als Fragezeichen hinter vielen Referaten und Diskussionen der internationalen Tagung, die am Wochenende im Martin-Gropius-Bau stattfand. Drei Tage lang kämpfte man mit der Fülle der Aspekte und der Referenten, die zum Thema ,Die Medien und die politische Wende in Europa" angetreten waren. Sind es nun schon zehn Jahre, seit die Mauer gefallen ist oder sind es erst zehn Jahre Beides stimmt, und außerdem: es gibt ,keine Zukunft ohne Herkunft", wie es in der Begrüßung hieß. Also: Eintauchen in Geschichte und in Geschichten.
Zum Beispiel jene, die mit Berlin besonders verbunden sind: In einer globalen Einführung von Michael Nelson, der maßgeblich an der Entwicklung der Nachrichtenagentur Reuters beteiligt war, wurde das Radio als Waffe dargestellt, gegen die auch der größte Big Brother hilflos sei. Etwa die Rolle, die BBC, Radio Free Europe/Radio Liberty, Voice of America, oder Deutsche Welle und RIAS Berlin als Botschafter der Freien Welt gespielt hatten. Spannend wie ein Krimidrehbuch erzählte Manfred Rexin, lange Jahre als Leiter verschiedener Abteilungen beim Radio In the American Sector tätig, die Chronik der Ereignisse, die am 16. und 17. Juni 1953 den RIAS zu einem wichtigen Kommunikationsinstrument während des Aufstandes in Ostberlin machten.
Damals, als das Fernsehen noch nicht von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, versuchte der Sender eine Gratwanderung zwischen Berichterstattung und politisch bedingter Zurückhaltung, - die Weiterentwicklung dessen, was am 16. Juni begann, wäre, so Rexin, ohne den Sender nicht möglich gewesen. Natürlich ist die Fernsehgeschichte in Deutschland nach 1945 ohne den politischen Kontext der Teilung nicht zu erklären. Im Westen etablierte sich das Fernsehen als ein staatsunabhängiges Organ gesellschaftlicher Meinungsbildung, im Osten war es im Sinne Lenins ein kollektiver Organisator der Massen und Sprachrohr der Partei. Und immer öfter beschrieb das West-TV dem Osten eine bessere Welt, die die DDR ihren Bürgern erst noch versprach. Für die Bundesbürger dagegen existierte die DDR im Fernsehen seit Mitte der siebziger Jahre nur noch als ,Negativfolie für die eigene Lebenswelt", so der Medienwissenschaftler Knut Hickethier: ,Erst im November 1989 drehte man sich im Westen plötzlich wieder erstaunt um. "Niemals den Humor verlieren und niemals einen Fremden in der U-Bahn anlächeln", damit beantwortete die australische Filmhistorikerin und Autorin Leonie Naughton die Frage, was denn einen richtigen Berliner kennzeichne. In ihrer Untersuchung von Ost- und West-Kinofilmen über die Vereinigung stellte sie heraus, dass die Siegergeschichte - die der Westdeutschen - die Perspektive der Opfer, also der Ostdeutschen, oft vernachlässigt und verfälscht habe. Kulturelle Apartheid diagnostizierte sie, Fremdheiten , Missverständnisse.
Fremdheiten zwischen der BRDDR, dazu leistete Christoph Singelnstein, heute ORB, von Sommer 1990 bis zum Ende der DDR-Rundfunks dort Intendant, wichtige Erinnerungsarbeit: Unprätentiös und meinungsstark fand er, man sei noch zu nah dran an der Geschichte, um sie historisch bewerten zu können, und oft schon zu weit weg, weil sich individuelle Erlebnisse aus der Distanz verwischt hätten. Vorläufige Einordnung also der Frage: Wie schafft man einen Rundfunk ab Er beschrieb, was sich nach dem Mauerfall bei der ,Abwicklung" des DDR-Rundfunks ereignete, dass das Denken alter Kader nicht mit der Wende verschwand, dass innerhalb der SED trotz verschiedener Strömungen absolute Einigkeit über den Machtanspruch herrschte. Er wies auf die unstrittige, wenn auch für manche unbequeme, Tatsache hin, dass die Mitarbeiter ,ideologisch getrimmt", aber exzellent ausgebildet waren, sprach über die menschlichen Probleme, die auch auftraten, wenn Inoffizielle Mitarbeiter ihre Entlassungsurkunden erhielten. Sprach über Bundeskanzler Kohl, für den es keine Alternative zur Abschaffung dieses Instruments gab, über den Rundfunkbeauftragten Rudolf Mühlfenzl, der zunächst auftrat ,wie ein Conquistador", später aber ,begriff, worum es ging." Singelnstein entwarf ein Panorama, das dem schwarz-weiss zeichnenden Überlegenheitsdenken vieler Westdeutscher entgegenwirken sollte. Auf die grenzüberschreitenden Formen von Radio und Fernsehen wollten die Organisatoren der Konferenz, das Deutsche Historische Museum in Berlin, in Zusammenarbeit mit Iamhist, der International Association for Media & History, beim dreitägigen Marathon hinweisen. Das Publikum folgte ihnen auf diesem Weg - soweit es da war. Das Interesse der Allgemeinheit am grenzüberschreitenden Thema hielt sich in Grenzen. Und das, obwohl die Veranstalter intensive Werbung gemacht hatten. Es sei so viel los in der großen Stadt, hieß es bedauernd. Mag auch sein, dass die Besucher der Ausstellung über ,Wege der Deutschen von 1949-1999", mit ihren vielen Exponaten, im Obergeschoss des Gropius-Baus, sich zur Genüge bedient fühlen mit BRDDR-Geschichte: Wenn man die Zukunft schaffen will, beschäftigt einen statt Herkunft und Vergangenheit in Berlin zur Zeit wohl eher fie Gegenwart.
- Von Birgit Weidinger
![]()
![]()

